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Unbehandelter Alkoholismus ist tödlich ... zu 100% ...

Meine Mutter, die Alkoholikerin –

Ein dringlicher Appell einer Tochter an Alle, die
die Wahrheit über das Trinken leugnen

Von: Cynthia Gorney
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Das Zimmer meiner Mutter im Krankenhaus von Duluth in Minnesota (USA) hatte nur ein einziges Fenster. Am Telefon sagte sie mir, sie könne den Oberen See sehen – glatt weißlich-grau schimmernd und weit wie das Meer.

Ich stand in meiner Küche in Kalifornien und bemühte mich um einen ruhigen Ton. „Du liegst seit fünf Tagen im Krankenhaus und hast keinem von uns Bescheid gesagt“, erklärte ich mühsam beherrscht. „Ich will nicht, dass du kommst“, erwiderte meine Mutter mit schwerer Zunge. „Was soll ich hier mit dir anfangen? Ich hatte es einfach satt, mich elend zu fühlen – der Magen tat mir weh und ich musste die ganze Zeit husten.“

Sie ist betrunken, dachte ich. Wieso kann sie sich im Krankenhaus betrinken?

Meine Mutter trank still und heimlich in der Abgeschiedenheit und dem gemütlichen Durcheinander ihres Zuhauses. Sie engagierte sich in ihrer Kirchengemeinde, reiste viel und kümmerte sich ehrenamtlich um die Obdachlosen. Sie war eine hochintelligente, sehr interessierte Frau, die ungeheuer viel las, in drei Sprachen korrespondierte und Freunde aus aller Welt von Nicaragua bis China hatte. Sie starb im letzten Jahr an Leberzirrhose, die auch Männer unter Wolldecken neben Gullys dahinrafft.

Ich schreibe darüber, weil jeder wissen soll, wie es ist, wenn ein geliebter Mensch im Suff endet. Ich will weder eine Predigt halten noch wie die Anonymen Alkoholiker Ratschläge geben. Das habe ich getan, als Mutter noch lebte, und trotzdem hat sie weiter getrunken.

Als meine Brüder und ich im Krankenhaus aus dem Aufzug traten, kamen eilig Schwestern auf uns zu, um uns auf Mutters Anblick vorzubereiten. In ihrem Zimmer fiel mir als erstes ihre grüne Haut auf. Wir konnten es nicht fassen, dass menschliche Haut tatsächlich diese Farbe annehmen konnte. Niemand hatte uns gesagt, dass Zirrhose den Menschen gelblichgrün färbt, bevor sie ihn umbringt. Es wäre vielleicht gut gewesen, man hätte es meiner Mutter gesagt, bevor ihr das passierte?

Die Schwestern um mich herum murmelten: „Heute sieht sie ziemlich schlecht aus.“ Sie hatte unerträglichen Durst. In den ersten Tagen glaubten die Ärzte noch, sie könnten sie durchbringen, und gaben ihr nur schluckweise Wasser. Sie bat uns, ihr heimlich Wasser zu besorgen.

Das Widersprüchliche dieser Bitte entging keinem von uns. Meine Mutter hatte uns nie gebeten, ihr heimlich Alkohol zu besorgen. Bei uns zuhause wurden die Gin- und Wodkaflaschen an die Tür geliefert und landeten genau so offen im Abfall, nachdem der Inhalt auf die feine Art in große Gläser mit Limonenscheiben geleert worden war. Erst als meine Mutter nach einer Entziehungskur weitertrank, fing sie an, Flaschen zu verstecken und stopfte sie unter ihre Kleider im Koffer, wenn sie zu Besuch kam.

Wenn wir versuchten, mit ihr darüber zu reden, wechselte sie das Thema. Unsere Lippen bewegten sich tonlos hinter der Wand, die sie zwischen sich und uns eingerammt hatte. Der Therapie hatte sie sich unterziehen müssen, weil sie delirierte. Doch sobald sie sich besser fühlte, ging die Wand wieder hoch, und niemand konnte sie durchdringen.

Während des Krankenhausaufenthalts trug sie mehrere Tage eine Augenklappe. Als sie abgenommen wurde, sah das Auge aus, als wäre es von innen zerplatzt. Blutfäden zogen sich wie Spinnengewebe über den Augapfel, und es war schwer, ihr unbefangen ins Gesicht zu sehen. Der Arzt führte meine Brüder und mich in ein kleines Zimmer und erklärte uns, die Leber unserer Mutter sei durch Alkoholmissbrauch wie ein Stück Leder geworden. Wenn sie früher zur Behandlung gekommen wäre, hätte man sie vielleicht noch retten können. Aber ihre Leber funktionierte nicht mehr. Die Folge waren Nierenversagen, was zu Bauchfellentzündung, zum Zusammenbruch des Organsystems und zu Herzschwäche geführt hatte. Die Haut hing ihr schlaff und grün um die Knochen.

Als ich über ihren Kopf strich, glänzte ihr Haar in leuchtendem Schwarz. Das war das Einzige an ihr, das noch an Leben erinnerte. Der Arzt sagte, bis zu ihrem Tod könnte es noch ein paar Tage, vielleicht auch länger dauern, und falls es uns möglich sei, sollten wir die Zeit nutzen, um uns von ihr zu verabschieden. Als er den Raum verließ, fielen wir uns in die Arme, drückten die Köpfe aneinander und weinten.

Wir riefen ihren Pfarrer an, einen Mann mit strengem Gesicht und kräftigem Händedruck. Als ehemaliger [trinkender] Alkoholiker horchte er auf, als ich zu ihm sagte: „Ich habe nie begriffen, warum sie nicht um Hilfe bitten konnte.“

„Die Krankheit hält den Betroffenen davon ab, sie beim Namen zu nennen“, erklärte er mir. „Man steckt so tief darin, dass man nicht in der Lage ist, den Hörer abzunehmen und die Worte ‚Bitte, hilf mir’ auszusprechen.“ Er erzählte, wie er zu der Zeit, als er noch trank, auf einer Party am anderen Ende des Raumes einen Mann von den Anonymen Alkoholikern gesehen hatte. Aber er war stehen geblieben, obwohl er wusste, dass er krank war und der Mann so etwas wie eine Arznei besaß, die ihm helfen konnte. Er schaffte es nicht, zu ihm hinzugehen und zu reden. „Das ist die KRANKHEIT!“ sagte der Pfarrer. „Ich konnte es einfach nicht!“

Am Nachmittag brachten wir meine Mutter in ein Sterbehospiz.

Ich könnte noch vieles berichten. Über die Augenblicke, die vor jedem vor uns liegen, wie das Loslassen einer Hand, die zu matt ist, um den Druck zu erwidern. Oder über das Atemgeräusch eines Menschen, dessen Leber wie ein Stück Leder geworden ist. Wenn meine Mutter einatmete, stöhnte sie leise, wenn sie ausatmete, war das Stöhnen lauter. Ich musste ein Stück den Korridor entlanggehen, um das Geräusch nicht mehr zu hören.

Am Ende des Korridors befand sich ein Zimmer mit einem Fenster, das einen weiten Blick über den See bot. Dort stand ich, als meine Schwester kam und mich zu meiner Mutter rief. Als sie mich stützend am Ellbogen fasste, wusste ich, dass meine Mutter tot war.

Ich erzähle das, weil mich niemand darauf vorbereitet hatte, dass der Alkohol sie umbringen würde, nicht im bildlichen Sinn, so wie Kinder von Alkoholikern in Selbsthilfegruppen reden, sondern ganz wörtlich, dass meine Mutter ihr Leben mit grüner Haut, blutgeädertem Auge und rasselndem Atem beenden würde.

Ich möchte, dass jemand mich hört. Ich möchte mir vorstellen, dass irgendwo im gemütlichen Durcheinander eines Zuhauses ein ahnungsloser Mensch die Geschichte meiner Mutter liest und sich sagt: „Jetzt ist Schluss!“

Meine Mutter hätte sich über diese öffentliche Bloßstellung furchtbar aufgeregt. Sie war eine stolze Frau, und ich glaube, sie ist voller Entsetzen gestorben und zu beschämt, um den Namen der Krankheit, die sie tötete, laut auszusprechen.

Das tue ich jetzt für sie: Alkoholmissbrauch. Alkoholbedingte Leberzirrhose. Alkoholbedingte Bauchfellentzündung mit anschließendem Nierenversagen und Herzstillstand.

Wenn jemand diese Geschichte liest und dann um Hilfe bittet, hat sich mein Verrat gelohnt.
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Veröffentlichung aus der Washington Post vom 26.04.1993

Aus DAS BESTE – Readers Digest

© Readers Digest 1993

 

Requiem für einen Alkie

 

Wir müssen nicht trinken, um zu sterben. Wir haben ihn gestern begraben. Das Kreisamtsblatt hat den üblichen Aufruf für die nächsten Verwandten veröffentlicht, aber niemand hat sich gemeldet. Nur sein Sponsor und ich waren anwesend – nicht einmal ein Prediger (dafür zahlt der Staat nicht).   Keine  Freunde und nicht einer, der nach David gefragt hätte. Ein billiger Sarg, ein Bagger, um die Grube auszuheben und das war’s – ein weiterer alter AA ist gegangen.

David ist über 20 Jahre trocken gewesen und über 30 Jahre in AA; ein harter, unnachgiebiger Mann, der oft seine rauen Kanten im Leben abschleifen musste, aber dem es dennoch nie völlig gelang. Er war ein Einzelgänger, ein einsamer Mann, der stets an den guten Seiten des Lebens vorbei lief. Er war in diesem Kampf verstrickt ... und am Ende nahm er den Strick für sich.

Warum er es tat, weiss ich nicht – ich kann es nicht wissen. Ich weiss nur, dass er mit Altersdemenz diagnostiziert war und sein Arzt Krebs festgestellt hat. Aber ich habe viele AA’s erlebt, die das auch gehabt und sich der Krankheit gestellt haben. Ich weiss nicht, warum David den Entschluss fasste, dass er es nicht schaffen könnte.

Ich habe solche Ereignisse bei den Anonymen Alkoholikern schon mehrfach erlebt. Über die Jahre hinweg kannte ich einige Freunde, die plötzlich durch das Tor des Lebens verschwanden. Trocken, aber nicht zufrieden. Trocken, aber nicht im Frieden mit sich und der Welt. Trocken, aber sie starben am Alkoholismus. Unsere Krankheit kann uns umbringen, ohne dass wir trinken. Ich wünschte, mehr Freunde könnten dieses erkennen und für sich annehmen. Alkoholismus ist die einzige Krankheit, die fähig ist, sich aus sich selbst heraus neu zu entwickeln, zurückzuschlagen und an neuen Stellen und in anderen Formen zu erscheinen, wenn sie nicht richtig behandelt wird. Weil es eine spirituelle Krankheit ist. 

Die meisten von uns denken, das dieses mit Gebet oder mit Gott zu tun hat. Tut es nicht. Es hat mit unserem Geist zu tun, der uns bewegt, motiviert und vorwärts treibt.

Als Alkoholiker habe ich einen kranken Geist. Er ist zerrüttet. Meine innere Steuerung funktioniert nicht richtig. Die Wurzeln meines Wesens sind mit unergründlicher Unsicherheit eng umwickelt und da ist ein Loch in mir, das nie gefüllt werden kann. Wie ein instinktiver Amoklauf, ein verzweifeltes Schreien nach Akzeptanz und Liebe, die nicht erfüllt werden können. Es schmerzt. Es füllt mich mit Angst. Die Selbstsüchtigkeit und die ICH-Bezogenheit eines Alkoholikers liegen hier ... wir sind völlig damit beschäftigt, was mit und in uns vorgeht. Die Schlingen und Pfeile unserer irrsinnigen Lebenswege werden dadurch genährt und treiben uns hin zum Abgrund und die Stimmen unserer „Herrscher im Kopf“ halten uns dort gefangen.

Wir sind von uns selbst besessen und durch diesen Geisteszustand nimmt die Krankheit unserer Gefühle haarsträubende Formen an, wir werden schließlich zu unseren eigenen Therapeuten. Wir entdecken „Lösungen“ wie Alkohol oder etwas anderes und wie der Stoff uns beruhigt, eine riesige Erleichterung verschafft, zu der wir selbst niemals fähig gewesen wären.

Kein Wunder, dass wir  s o trinken oder s o andere Drogen zu uns nehmen, wie wir es tun. Andere hingegen entwickeln keine solche Suchtform ... bei dem Versuch, die schreienden Bedürfnisse unseres kranken Geistes zu befriedigen, entwickeln sie andersartige Missbildungen und Verhaltensstörungen und leiden so auf unterschiedlichen hundertfachen Wegen.

Gott hat Davids Zwang, trinken zu müssen, gebrochen. Aber ich glaube nicht, dass David je seine Krankheit richtig verstanden hat. Ich behaupte dieses, weil ich ihn während vieler Jahre in seinem Kampf mit den ungelösten Problemen, die im Herzen seines Lebens versteckt waren, beobachtet habe. Sein stures, kaltes, distanziertes Wesen, seine Einsamkeit und Schwierigkeiten mit anderen Menschen waren ein Spiegelbild der Schmerzen seines Herzens ... ein Zeichen, dass die Krankheit des Alkoholismus noch tief in ihm und immer noch aktiv war.

Der Alkoholismus brauchte David nicht zum Trinken zu verführen, um ihn zu töten, und schließlich hat er gesiegt. Am Ende gab David die Hoffnung auf – anstatt sein ICH aufzugeben – und erfuhr ein bitteres Ende.

Unsere Genesung vom Alkoholismus durch das 12 – Schritte – Programm muss ein dreifacher Prozess sein. Unser Weg ist nicht eingleisig. Wenn wir in AA sagen, dass wir ein Dreieck haben, nämlich Genesung – Einigkeit – Dienst, dann ist das auch so. Indem ich die Schritte arbeite, ebne ich den Weg für zwei Ziele:  Erstens in eine Gemeinschaft von Betroffenen einzutreten, um mich vom sozialen Abgrund zu lösen, wo ich die meiste Zeit meines geistigen und seelischen Lebens zugebracht habe. Zweitens, durch Dienst an anderen Menschen erkennen zu können, dass ich „dazugehöre“ – u. zw. genau in diese Gruppe von betroffenen Menschen. Es ist nur dieser vollständige dreifache Prozess, der uns genesen lässt.

Dieses trifft besonders für diejenigen von uns zu, die hoffnungslos an dieser spirituellen Krankheit leiden. Der 12. Schritt sagt es am klarsten: Nachdem wir ein spirituelles Erwachen als Ergebnis dieser Schritte gehabt haben (Genesung), versuchten wir, diese Botschaft an andere Alkoholiker weiterzugeben (Dienst) und diese Prinzipien in allen unseren Angelegenheiten anzuwenden (Einigkeit).

Du weisst so gut wie ich, dass ich keine Kontrolle über mich habe. Aber ich muss diese Scham, Einsamkeit und die erdrückenden Gefühle, die ständig um mich selbst und meinen Problemen kreisen, nicht mehr länger selbst tragen. Ich muss in einer Gemeinschaft von Betroffenen engagiert sein, wo ich diese Prinzipien in allen meinen Angelegenheiten anwenden kann. Nur die ganze Anwendung bringt Genesung. Alles andere bedeutet, meine Krankheit noch tiefer hinunter zu schlucken  ... und wenn ich das tue, werde ich fortfahren, mich davon zu ernähren und damit versucht sein, mich zu zerstören. Sie zerstörte David. Dieses ist meine Erinnerung an David, der versuchte, sein Bestes zu geben ... und ich denke, dass er letztlich auf der Seite der Gewinner war. Es war nicht sein Fehler, er schien so geboren zu sein. Da waren so viele alte Ideen über das eigene Ich, die David nicht erkennen oder in sich einfach die Bereitschaft verspüren konnte, diese loszulassen.

Nun hat er seine Ruhe. Aber wir haben erfahren: „Ganz gleich wie tief wir auch gesunken waren, werden wir sehen, wie Andere von unserer Erfahrung Nutzen ziehen können.“ David kann nicht mehr über seine Erfahrungen sprechen, deshalb spreche ich nun in seinem Gedächtnis für ihn. Und ich glaube, wenn David heute zu uns sprechen könnte, er uns sagen würde:  „Lerne, deine Krankheit vollständig zu verstehen und arbeite das ganze Programm der Genesung!“

Luke, Kentucky, USA

(Übersetzung: Rolf, Germany)

PS “Luke The Monk“ ist Trappistenmönch und Sprecher auf vielen internationalen AA-Meetings.

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